Ausweichpflicht auf See: Die wichtigsten Regeln anhand einfacher Situationen erklärt
Ausweichpflicht auf See: Die wichtigsten Regeln anhand einfacher Situationen erklärt
Die Ausweichpflicht auf See ist etwas, bei dem sich viele Bootsfahrer unsicher fühlen – und sie ist wohl die häufigste Ursache für gefährliche Situationen in norwegischen Gewässern. Wer soll ausweichen? Wer darf Kurs halten? Und was tun Sie eigentlich, wenn sich zwei Boote einander nähern?
Machen wir es einfach.
Das Grundprinzip: Es gibt kein «Vorfahrtsrecht»
Anders als im Straßenverkehr gibt es auf See kein «Vorfahrtsrecht». Stattdessen haben wir eine Ausweichpflicht – eine Pflicht für eine Partei, auszuweichen, während die andere die Pflicht hat, Kurs und Geschwindigkeit beizubehalten (damit der Ausweichpflichtige sein Manöver berechnen kann).
Die Regeln stammen aus den COLREGS (Internationale Regeln zur Verhütung von Zusammenstößen auf See) und gelten überall in norwegischen Gewässern.
Motor gegen Segel: Wer weicht aus?
Die bekannteste Regel: Ein Motorboot weicht einem Segelboot aus. Ein Segelboot unter Segeln (also ohne Motor) hat grundsätzlich das Recht, Kurs und Geschwindigkeit zu halten, während ein Motorboot ausweichen muss.
Aber es gibt wichtige Ausnahmen:
- Ein Segelboot mit laufendem Motor (auch mit gesetzten Segeln) gilt als Motorboot und hat nicht die Privilegien eines Segelbootes
- Ein Segelboot darf große Schiffe in engen Fahrwassern nicht behindern
- Fischereifahrzeuge mit Netzen oder Schleppnetzen haben Ausweichprivilegien gegenüber Motor- und Segelbooten
Segelboot gegen Segelboot
Wenn zwei Segelboote aufeinandertreffen, wird die Ausweichpflicht durch die Windrichtung bestimmt:
- Das Boot mit Wind von Backbord (links) weicht dem mit Wind von Steuerbord (rechts) aus
- Haben beide den Wind von der gleichen Seite, weicht das Luvboot dem Leeboot aus
- Sind Sie unsicher, von welcher Seite der andere den Wind hat? Sie weichen aus.
Kreuzende Kurse (Motorboote)
Wenn sich zwei Motorboote aus schrägem Winkel nähern (kreuzende Kurse), gilt:
Derjenige, der das andere Boot auf seiner Steuerbordseite (rechten Seite) hat, muss ausweichen.
Denken Sie an die «Rechtsregel» – ähnlich wie im Straßenverkehr: Wer von rechts kommt, hat Vorrang. In der Praxis bedeutet das, immer nach Steuerbord Ausschau zu halten und bereit zu sein, die Geschwindigkeit zu verringern oder nach Steuerbord zu drehen, um hinter dem anderen Boot zu passieren.
Entgegenkommende Boote (direkt aufeinander zu)
Wenn zwei Motorboote direkt aufeinander zufahren, müssen beide nach Steuerbord (rechts) abdrehen. Es ist wie beim Begegnen eines Autos auf der Straße – Sie halten sich rechts.
Erkennen Sie die Situation: Wenn Sie nachts beide Seitenlichter (rot und grün) sehen oder das andere Boot tagsüber direkt auf Sie zukommt, befinden Sie sich in einer Begegnungssituation.
Überholen
Ein Boot, das ein anderes überholt (sich von hinten nähert), hat immer Ausweichpflicht, unabhängig davon, ob es ein Motor-, Segel- oder Kajak ist. Sie gelten als überholend, wenn Sie sich einem anderen Boot aus einem Sektor mehr als 22,5 Grad achterlicher als querab nähern.
In der Praxis: Wenn Sie an einem anderen Boot vorbeifahren, liegt es in Ihrer Verantwortung, klar zu bleiben. Das überholte Boot hat keine Pflicht, auszuweichen.
Enge Fahrwasser und Kanäle
In engen Meerengen und Kanälen gelten Zusatzregeln:
- Halten Sie sich an Steuerbord (rechte Seite) in engen Passagen
- Kleine Boote dürfen große Schiffe nicht behindern, die nur innerhalb des Fahrwassers sicher navigieren können
- Segelboote und Kleinfahrzeuge sollen sich aus Fahrwassern heraushalten, wo große Schiffe eingeschränkte Manövrierfähigkeit haben
Dies ist besonders wichtig in beliebten Gewässern wie den Zufahrten zu norwegischen Häfen, wo große Fähren und Frachtschiffe wenig Platz haben.
Fahrzeuge mit besonderen Privilegien
Einige Fahrzeuge haben immer Vorrang (Sie müssen ihnen immer ausweichen):
- Manövrierunfähige Fahrzeuge (Motorausfall, Steuerprobleme)
- Fahrzeuge mit eingeschränkter Manövrierfähigkeit (Taucheinsätze, Kabelverlegung)
- Durch Tiefgang eingeschränkte Fahrzeuge (große Tanker in flachen Gewässern)
- Fischende Fischereifahrzeuge (Schleppnetz oder Netze ausgebracht)
- Segelboote (für Motorfahrzeuge)
Die Rangordnung vom am wenigsten zum am meisten manövrierbaren: Manövrierunfähig → Eingeschränkte Manövrierfähigkeit → Durch Tiefgang eingeschränkt → Fischerei → Segel → Motor.
Wichtige Lichter und Signale
Nachts identifizieren Sie andere Fahrzeuge an ihren Navigationslichtern:
- Rotes Licht (Backbord): Sie sehen die linke Seite – Sie haben wahrscheinlich Ausweichpflicht
- Grünes Licht (Steuerbord): Sie sehen die rechte Seite – das andere Boot weicht normalerweise aus
- Weißes Hecklicht: Sie überholen – Sie haben Ausweichpflicht
- Rot + Grün: Begegnungssituation – beide drehen nach Steuerbord
Praktische Tipps
- Seien Sie berechenbar – Die wichtigste Regel ist, das zu tun, was der andere erwartet. Drehen Sie nicht plötzlich ohne Grund.
- Manövrieren Sie früh – Warten Sie nicht bis zum letzten Moment. Eine deutliche Kursänderung ist sicherer als eine kleine Anpassung.
- Nutzen Sie das Horn – Ein kurzer Signalton (1 Sekunde) bedeutet «Ich drehe nach Steuerbord». Zwei kurze Signaltöne bedeuten «Ich drehe nach Backbord». Fünf kurze Signaltöne bedeuten «Ich verstehe Ihre Absicht nicht».
- Halten Sie Ausschau – Die allerwichtigste Regel der COLREGS. Schauen Sie sich immer um, besonders in schnelleren Booten.
- Im Zweifel: Ausweichen! – Unsicher, wer Ausweichpflicht hat? Weichen Sie aus. Es ist immer besser, einmal zu viel auszuweichen als einmal zu wenig.
Lesen Sie auch über Geschwindigkeitsbegrenzungen auf See und den Bootsführerschein für mehr über sichere Navigation. Und denken Sie daran: Die Sjøvettreglene (Sicherheitsregeln) sind eine hervorragende Ergänzung zu den Ausweichregeln.




